Flo LeBeau: die Patientengeschichte hinter «Epilepsy»

Flo LeBeau: die Patientengeschichte hinter «Epilepsy»

20. Mai 2026 Seite drucken

Der Berner Musiker und Songwriter Flo LeBeau gibt Epilepsie-Betroffenen eine Stimme. Sein erstes Album («Epilepsy», 2026) erwuchs aus einem kreativen Prozess, der in der Klinik Arlesheim in Gang kam.

Aus physikalischer Sicht besteht Materie aus Quantenfeldern. Die Materie-Teilchen schwingen als angeregte Zustände dieser Felder in bestimmten Frequenzen. Unter einer Frequenz versteht man die Anzahl der Schwingungen pro Sekunde, gemessen in Hertz. Können wir diese Schwingung hören, sprechen wir von Klang. Nehmen wir darin Ordnung wahr, erleben wir Musik. Musik ist das Erleben geordneter Schwingungen.

Die Diagnose war ein Schock.

Und warf Fragen auf: Was würde bleiben, was sich ändern? Wie würden seine Bandkollegen reagieren? Würde er weiterhin reisen, eine Familie gründen können? Zwar hiess es im ärztlichen Bericht, es bestünden beruflich keine Einschränkungen, aber ein Lehrer mit einem epileptischen Anfall vor der Klasse?

Und eingeschränkt wurde sein Leben sehr wohl: Flo LeBeau darf aus Sicherheitsgründen kein Auto lenken, geht nicht mehr klettern oder alleine in der Aare schwimmen.

Medikamente bei Epilepsie

Sieben Jahre lang wurde er mit drei verschiedenen anfallssupprimierenden Medikamenten behandelt, bis er einsah, dass ihn eine rein medikamentöse Therapie nie anfallsfrei machen würde. Sie gab ihm zwar Sicherheit im Akutfall. Ohne Medikamente im Gepäck würde er sich nie auf eine 6-monatige Reise durch Sibirien, die Mongolei, China, Südkorea und Japan aufgemacht haben.

Aber zunehmend gingen mit der medikamentösen Therapie unangenehme Magenbeschwerden, Stimmungsschwankungen und eine depressive Verstimmung einher. Es war ungewiss und niemand konnte ihm sagen, ob diese Beschwerden Nebenwirkungen waren oder ob sie in seiner Psyche lagen. Er begann, an seiner mentalen Integrität zu zweifeln.

Auch sein Neurologe war nach sieben Jahren am Ende seines Lateins. Er legte seinem Patienten den Gang zum Psychiater oder (wiederholt) einen chirurgischen Eingriff nahe. Dazu erfolgten prächirurgische Abklärungen. Doch die zwei Wochen mit Langzeit-EGG vergingen anfallsfrei, obschon man alles unternommen hatte, einen Anfall zu provozieren. Damit und auch aus grundsätzlichen Bedenken war die Option Hirn-OP vom Tisch.

Was nun?

Selbst-Handeln bei Anfällen

Auf Anregung seiner damaligen Partnerin begab sich Flo LeBeau 2021 zum ersten Mal in die Klinik Arlesheim, wo er sich bereits im ersten Gespräch mit Dr. med. Siegward Elsas besser verstanden fühlte. «Sein ganzheitlicher Blick auf mein Problem hat mich sehr angesprochen», erinnert er sich. «Und allmählich begann sich meine Rolle vom passiven Therapieempfänger zum selbstwirksamen Akteur zu wandeln.»

Anleitung dazu gaben die zwölf Arbeitshefte «Selbst-Handeln bei Anfällen», deren amerikanische Vorstufe Dr. Elsas bereits in seiner neurologischen Forschungs- und Behandlungstätigkeit in den USA kennengelernt hatte. «Da ein solches Arbeitsinstrument im deutschsprachigen Raum fehlte», erklärt er, «machte sich ein Psychologe und zwei anthroposophisch interessierte Neurologen daran, gemeinsam diesen Ansatz neu zu greifen und kulturell auf Mitteleuropa anzupassen.»

Als einer der drei Autoren hat Dr. Elsas hat die deutschsprachigen Arbeitshefte mitgestaltet. Sie verbinden Wissensvermittlung, Selbstreflexion und praktische Übungen zu einem verhaltenstherapeutischen Ansatz mit dem Ziel effektiver Selbsthilfe. Das Durcharbeiten dieser Hefte befähigt Epilepsie-Betroffene, Auslöser und Vorboten eines kommenden Anfalls zu erkennen und Anfälle durch Selbstkontrolle zu verhindern.

Für Flo LeBeau tat sich damit eine neue Welt auf. Vorher hatte er nur ein Anfallstagebuch geführt, nun bekam er echte Hausaufgaben. Es war harte Arbeit, über sich zu reflektieren und seine Verhaltensmuster zu verändern.

Dies aber mit Erfolg: Ganze zwei Jahre lang, von Sommer 2023 bis Sommer 2025, war Flo LeBeau frei von epileptischen Anfällen. «Zwar mit niedrig dosierter medikamentöser Unterstützung», wie er einräumt. «Aber so lange komplett anfallsfrei zu sein, war eine ganz neue Erfahrung!»

Ansporn zur Solokarriere

Musik war schon immer Teil seines Lebens. Seine Mutter spielte Geige, seine älteren Geschwister Klavier. Man hörte Polo Hofer und Siebziger-Rock. Er selber entschied sich für die Gitarre und entdeckte den modernen Rock.

Seine ersten Erfahrungen in einer Rockband machte er mit 15, als Bassist, und von da an war es für ihn selbstverständlich, in einer Band zu spielen. Doch diese Zeit neigte sich gegen 2022 an ihr Ende. «Die Band, in die ich viel investiert hatte, stand still», sagt er. «Aber ich wollte unbedingt raus, Konzerte geben.» So wagte er, wovon er schon lange geträumt hatte, und schlug eine Solokarriere ein.

Ansporn dazu gaben sowohl seine Krankheit wie auch die selbstwirksame Anfallsprävention. Die Epilepsie zeigte ihm die Grenzen seiner Belastbarkeit und zwang ihn, sich zu verändern. «Ohne Epilepsie wäre ich vielleicht immer noch Lehrer und hätte schon ein, zwei Burnouts hinter mir.» Gleichzeitig war ein kreativer Prozess in Gang gekommen: «Je länger ich mich mit den Arbeitsheften beschäftigte, desto klarer wurde mir, wie sehr ich durch mein eigenes Denken, Fühlen und Handeln meine Epilepsie beeinflussen kann.» Flo LeBeau – so hiess er nun – machte sich daran, die Essenz aus den zwölf Epilepsie-Arbeitsheften musikalisch zu verarbeiten.

Das Ergebnis können wir in «Epilepsy» hören und geniessen. Jeder Song seines Debütalbums umkreist einen bestimmten Aspekt seines Lebens mit Epilepsie, aber ohne sich in dieser Nische zu vergraben. Auch Menschen mit einer anderen chronischen Erkrankung oder einer psychosomatischen Gesundheitsstörung können sich unmittelbar angesprochen fühlen. Und wie alle gute Musik bringen seine Lieder menschliche Grunderfahrungen zum Ausdruck.

Anregungen aus der Anthroposophischen Medizin

Epilepsie-Betroffene erhalten in der Klinik Arlesheim eine umfassende Neurodiagnostik, falls nötig inklusive Langzeit-EEG, eine gründliche fachärztliche Beratung und Zugang zu den modernsten Behandlungsmöglichkeiten.

Aktuell sind rund 70 Epilepsie-Betroffene in unserer Neurologie in ambulanter Behandlung und nehmen halbjährlich Kontrolltermine wahr. Sie kommen nicht nur aus der Schweiz, sondern auch aus dem angrenzenden Ausland. Und sie haben sich bewusst für eine anthroposophische Klinik entschieden.

Dr. Elsas veranschaulicht den anthroposophischen Zugang zur Epilepsie gerne mit der Analogie von Pferd und Reiter: Das Bewusstsein «sitzt» auf dem Gehirn wie der Reiter auf seinem Pferd und beherrscht es durch seine geistige Präsenz. Lockert sich die Verbindung zwischen Geist und Gehirn, kann das Pferd durchbrennen und den Reiter abwerfen.

Dieses Bild gibt dem epileptischen Anfall eine neue Deutung: Der Kern der Sache liegt nicht so sehr in der neurologischen Fehlleistung des Gehirns, sondern vielmehr im Zusammenspiel von Geist und Gehirn.

Die konventionellen Epilepsie-Medikamente behandeln, indem sie in die Neurochemie des Gehirns eingreifen, um Anfälle zu unterdrücken, nur das «Pferd», wobei sie häufig die kognitive Präsenz des im Sattel sitzenden «Reiters» reduzieren, also den Geist schwächen. Das ist mit ein Grund, weshalb die Anthroposophische Medizin die Entwicklung pflanzlicher Stoffe, die dies unterlassen, aufmerksam verfolgt:

  • CBD, ein Wirkstoff der Cannabispflanze (zugelassen)
  • Huperzin A, ein Wirkstoff der Bärlappgewächse (in Phase-2-Studien)
  • Turmerone, Wirkstoffe aus der Curcuma-Pflanze (in präklinischen Studien)

Aber für viel wichtiger hält es die Anthroposophische Medizin, die medikamentöse Anfallsunterdrückung mit einer kognitiven Verhaltenstherapie zu ergänzen, wie sie die Arbeitshefte «Selbst-Handeln bei Anfällen» vermitteln. Diese nicht-medikamentöse Ergänzung zielt darauf, Epilepsie-Betroffene spezifisch zu stärken:

  • Anfällen durch Selbstkontrolle abwehren
  • Spielräume zum Selbsthandeln finden
  • Reduktion des Ausgeliefertseins
  • Reduzierte Angst vor einem Anfall
  • Eigene Gegenmittel bei Vorboten eines Anfalls entwickeln
  • Die Dosierung anfallssupprimierender Medikamente reduzieren

Kaum ein Bereich der Neurologie ist so von Dynamik geprägt wie die Epilepsieforschung. Unser Neurologie-Team verfolgt, was die verschiedenen Epilepsie-Arbeitsgruppen veröffentlichen, und beteiligt sich regelmässig an internationalen Kongressen und den Epilepsie-Tagen, um am Puls der dynamischen Entwicklung zu bleiben.

Weitere Informationen

Hippocampus Verlag: Selbst-Handeln bei Anfällen

Website Flo LeBeau

YouTube Kanal Flo LeBeau

Instagram flobeau.music

 

Titelbild © Sarah Michel

Neurologie an der Klinik Arlesheim

In der Neurologie geht es um Krankheiten des komplexen menschlichen Nervensystems. Betroffen sind dabei das Zentralnervensystem, also das Gehirn und Rückenmark, sowie das periphere Nervensystem und die Verbindungen zu der Muskulatur.

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Autor / Autorin

Text: Patrick Frei, Geprüft von: Dr. med. Siegward Elsas, Facharzt für Neurologie
Text: Patrick Frei, Geprüft von: Dr. med. Siegward Elsas, Facharzt für Neurologie
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