Wie wird man auf gesunde Weise älter? Oder, mit anderen Worten, was können wir aktiv tun, um uns im Alter eine gute Lebensqualität zu bewahren, uns vor Krankheiten zu schützen und länger zu leben?
Ärztin, Pionierin, Gründerin der Klinik Arlesheim: Wer an Ita Wegman denkt, denkt an eine starke Frau mit unternehmerischem Geschick und Tatkraft Managerqualitäten. Aber genauso berühren die feineren Wesenszüge ihrer Person, die bis heute eine inspirierende Kraft haben.
Ita Wegman genoss einen privilegierten Start ins Leben. Sie wurde 1876 auf Java geboren. Die Insel war Teil der Kolonie Niederländisch-Indien, des heutigen Indonesiens. Die Familie bewohnte eine grossbürgerliche Villa im Kolonialstil mit Dienern und Kindermädchen. Der Vater leitete eine Zuckerfabrik und wechselte nach einer Wirtschaftskrise in eine Bank, wo er mit seinem betriebswirtschaftlichen Wissen mithalf, die Zuckerindustrie umzustrukturieren, während die Mutter als eine zarte, aber kraftvolle Frau die Familie zusammenhielt.
Das Leben in den Tropen war nicht ungefährlich. Um 1890 grassierte in Indonesien die Cholera. Es traf viele Kinder, auch einen Bruder Ita Wegmans, der früh verstarb. So nahm die Mutter die beiden Töchter Ita und Charlien zur weiteren schulischen Ausbildung nach Europa, wo sie sich im holländischen Arnheim und auf Reisen in europäische Metropolen ins kulturelle Leben eintauchten.
Zurück auf Java, begann für die 18-jährige Ita Wegman eine schwierige Lebensphase. Der junge Offizier, mit dem sie sich verlobt hatte, starb an Lungenentzündung. Sie selber erkrankte an Malaria und zog zur Genesung in die Berge, wo sie einen Garten anlegte, Pflanzen züchtete und häufige Besuch von einer Freundin empfing, die ihr spirituelles Interesse auf die Theosophie lenkte.
1899 kehrte die ganze Familie nach Holland zurück. Von der 23-jährigen Ita Wegman wurde erwartet, zu heiraten, aber sie verfolgte andere Pläne. Sie liess sich zur Gymnastiklehrerin ausbilden und absolvierte in Berlin eine weitere Ausbildung in Schwedischer Heilgymnastik und Massage. Berlin zählte um 1900 zwei Millionen Einwohner und fünfzig vegetarische Restaurants. Die Metropole war ein Zentrum für neue Gesundheitslehren, Naturheilkunde und Reformpädagogik. Mensch und Körper sollten sich frei entfalten können. Es eröffneten Licht-Luft-Sportbäder, und Frauen begannen, sich gegen einschnürende Kleidungsstücke aufzulehnen, die sie für Frauenkrankheiten verantwortlich machten.
In Berlin kam es 1902 auch zur ersten Begegnung mit Rudolf Steiner, der ihr Mentor werden sollte. Er bestärkte Ita Wegman darin, in Zürich Medizin zu studieren. Nach erfolgreichem Studium und Promotion begann sie, eine vielseitige ärztliche und frauenärztliche Tätigkeit mit eigener Praxis zu entfalten.
1921 zog Ita Wegman von Zürich nach Basel. Noch im selben Jahr erwarb sie mithilfe des väterlichen Erbes in Arlesheim ein Haus mit Garten, um darin das «Klinisch-Therapeutische Institut» zu gründen, aus dem die heutige Klinik Arlesheim hervorging. Auch Kinder mit Behinderung lagen ihr am Herzen. 1922 gründete sie in Arlesheim das Haus Sonnenhof und in der Folge zahlreiche weitere heilpädagogische Einrichtungen.
Ita Wegman wurde in Rudolfs Steiners letzten Lebensjahren zu einer seiner engsten Mitarbeiterinnen. Aus dieser intensiven Zusammenarbeit ging 1925 das erste – gemeinsam verfasste - Schriftwerk zur Anthroposophischen Medizin hervor. Sie selber verbrachte ihre letzten Jahre in Ascona, wo sie eine weitere heilpädagogische Einrichtung Dependance der Klinik gegründet hatte. Die Klinikleitung behielt sie dennoch bei. Sie starb 1943 in der Klinik Arlesheim.
So viel zu ihrer Biographie; nun zu einigem, was man von Ita Wegman lernen und wozu sie uns inspirieren kann.
Ab 1900 setzte sich die moderne Schulmedizin zunehmend durch. Ita Wegman suchte neben ihrem wachen Interesse für die damals moderne Schulmedizin immer auch die holistische Ebene. Sie suchte einen Weg wie eine Erneuerung der antiken Mysterienmedizin, aber jetzt mit wissenschaftlichen, westlichem Denken zugänglichen Kriterien, möglich sein könnte.
Sich den Menschen als Ganzes anzuschauen, ist das zentrale Anliegen der Anthroposophischen Medizin und war eine besondere Stärke Ita Wegmans. Schon ihre Kommilitoninnen erkannten ihre grosse Begabung für einen empathischen und intuitiven diagnostischen Blick. Weitere Zeitgenossen berichten, dass Ita Wegman ihren Patientinnen und Patienten stets ohne vorgefasste Meinung begegnete. Stattdessen machte sie sich innerlich frei, schuf Raum und nahm sich Zeit, um sich ein eigenes Bild zu machen.
Das lebenslange Lernen ist heute in aller Munde. Verstanden wird darunter meist die Notwendigkeit zur ständigen beruflichen Weiterbildung, womit auch die wirtschaftlichen Interessen einer ganzen Weiterbildungsindustrie mit hereinspielen.
Von Ita Wegman kann man lernen, dass man auch innere Wege der Weiterbildung beschreiten kann und soll. Es sind Wege des regelmässigen Übens. Sie gelten nicht dem Erwerb einzelner Qualifikationen, sondern der umfassenden «Erkraftung des Herzens», wozu man die Schulung von Empathie, Geduld, Mut, Resilienz usw. zählen kann.
Authentische Menschen überzeugen, weil ihre inneren Überzeugungen mit ihrem äusseren Verhalten vollkommen übereinstimmen. Da ist keine Diskrepanz, sondern eine Kohärenz von innen und aussen.
Dies ist bei Ita Wegman umso bemerkenswerter, als sie als Unternehmerin, Chefin, Organisatorin und Ausbildnerin zahlreiche äussere Funktionen übernahm. Sie war ausserdem eine erfolgreiche Fundraiserin und Networkerin. Zudem übernahm sie ab 1923 Ämter, die sie exponierten. Sie war Vorstandsmitglied der Anthroposophischen Gesellschaft, sowie Leiterin der Medizinischen Sektion der Freien Hochschule für Geisteswissenschaften am Goetheanum.
Gleichzeitig führte sie ein reiches inneres Leben. Sie hinterliess Aufsätze und einen umfangreichen Briefwechsel. Keine äussere Funktion, die sie ausübte, oder Rolle, die sie übernahm, entfremdete sie ihren geistigen Interessen und spirituellen Quellen.
Die bekannteste Anekdote zu Ita Wegmans Jugendzeit auf Java berichtet vom Schulweg in der Kutsche, die ihre Schwester Charlien überlieferte: Wurden sie zu häufig überholt, stieg Ita Wegman auf den Kutschbock, übernahm die Zügel und trieb die Pferde zu schnellerem Tempo an. Sich zügig fortzubewegen und mobil zu sein, blieb ihr ein Bedürfnis. Schon 1921 schafft sie in Arlesheim das erste Klinikauto inklusive Chauffeur an.
Der Wunsch nach schnellem Fortkommen, Bewegung und Veränderung spiegelt eine innere Haltung. Ita Wegman hätte wohl auch die Entscheidung zum Klinikneubau begrüsst und sich für ein supermodernes Vollholzgebäude begeistern können. Auch insofern bleibt die Klinikgründerin eine identitätsstiftende Figur für die Klinik Arlesheim.
Quelle
Gunna Wendt: Ita und Marie, München 1923
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2026 feiern wir den 150. Geburtstag von Ita Wegman (* 22. Februar 1876), der Gründerin der Klinik Arlesheim. Ihr Leitsatz «Ich bin für Fortschreiten» steht sinnbildlich für ihren Wunsch nach echter Entwicklung – als Mensch ebenso wie in der Anthroposophischen Medizin. Im Jubiläumsjahr erwarten Sie vielfältige Veranstaltungen sowie eine Ausstellung im Park der Klinik Arlesheim.
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Dieser Blogartikel entstand im Rahmen des Vortrags «Ita Wegman – Pionierin der integrativen Medizin» des Gesundheitsforums vom 04.02.2026.:
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