Aus physikalischer Sicht besteht Materie aus Quantenfeldern. Die Materie-Teilchen schwingen als angeregte Zustände dieser Felder in bestimmten Frequenzen. Unter einer Frequenz versteht man die Anzahl der Schwingungen pro Sekunde, gemessen in Hertz. Können wir diese Schwingung hören, sprechen wir von Klang. Nehmen wir darin Ordnung wahr, erleben wir Musik. Musik ist das Erleben geordneter Schwingungen.
Für den Hausgebrauch können wir uns mit drei Prinzipien musikalischer Ordnung begnügen: Melodie, Harmonie und Rhythmus. Sie machen aus Klang Musik.
Melodie: die als zusammenhängende Linie wahrgenommene Tonfolge
Harmonie: die (wohlklingenden) Beziehungen gleichzeitig erklingender Töne
Rhythmus: die zeitliche Organisation von Klangereignissen
Die Mathematik der Musik liegt schon in der Natur des Tones. Ein Ton ist eine Schwingung mit einer bestimmten Anzahl von Schwingungen pro Sekunde, gemessen in Hertz (Frequenz).
Zudem beruht die Tonleiter auf einfachen rationalen Zahlenverhältnissen. Entdeckt wurde dies in der griechischen Antike, als man erkannte, dass einfache ganzzahlige Verhältnisse Intervalle mit Wohlklang erzeugen:
Komplexe Zahlenverhältnisse (wie 33:26) sowie nicht ganzzahlige Verhältnisse (wie die Zahl Pi zu 1) empfinden wir hingegen als Missklänge.
Melodie, Harmonie, Rhythmus: Von diesen drei musikalischen Ordnungsprinzipien ist der Rhythmus der wichtigste in der Biologie. Eine eigene wissenschaftliche Disziplin hat sich seiner Erforschung angenommen, die Chronobiologie.
Die Chronobiologie untersucht, wie Organismen ihre Funktionen zeitlich organisieren und mit äusseren Zyklen (wie vor allem Tag und Nacht) synchronisieren. Ohne eine zeitliche Abstimmung würden zelluläre Prozesse, Stoffwechselvorgänge und Organfunktionen heillos durcheinandergeraten.
Rudolf Steiner, der in enger Zusammenarbeit mit Ita Wegman die Anthroposophische Medizin begründete, hat dies früh gesehen. Auf die Frage, was das Leben sei, gab er zurück: «Studieren Sie die Rhythmen.» Und er prägte die Sentenz: «Rhythmus trägt Leben.»
Moderne Einblicke in die menschliche Embryonalentwicklung bestätigen diese Auffassung: Das sich entwickelnde Herz fängt schon ab dem 21. Embryonaltag an, rhythmisch zu schlagen (noch bevor sich die vier Herzkammern ausbilden), und dieser embryonale Herzschlag ist wesentlich für die Induktion segmentierter Zellblöcke (Somiten). Dabei bilden sich rhythmisch (!) gegliederte Gewebe als embryonale Vorläufer der Wirbelsäule.
Zum einen übt die Musik einen hormonellen und neurochemischen Einfluss aus. Sie kann die Ausschüttung der «Glückshormone» Serotonin, Dopamin und Endorphin ankurbeln und gleichzeitig das Level des «Stresshormons» Cortisol absenken. Zudem kann insbesondere der gemeinschaftliche Musikgenuss das «Kuschelhormon» Oxytocin freisetzen.
Aber diese Wirkungen «aufs Gemüt» sind noch lange nicht alles. Die Musik erstreckt sich auf weitere physiologische Prozesse. Sie dirigiert das Zusammenspiel nicht nur des Hormonsystems, sondern auch von Hirn, Herz und Lunge – sowie von weitere biologischen Funktionskreisen.
Selbst wenn Sie Musik nur konsumieren oder sich davon berieseln lassen, verhalten Sie sich innerlich nie ganz passiv. In ihrem Körper kommen komplexe Synchronisierungen und Anpassungen in Gang. Und wenn Sie ein Livekonzert hören, in einem Ensemble musizieren oder in einem Chor singen, geschehen diese Prozesse nicht nur individuell, sondern auch kollektiv.
Als sich in den 1920er Jahren das Radio verbreitete, lernte man, dass der Empfang umso besser war, je genauer das Gerät mit dem Sendesignal «auf der gleichen Wellenlänge» war. Übertragen auf die zwischenmenschliche Kommunikation, war dies lange Zeit nur eine bildliche Redewendung, bis eine verblüffende Studie aus dem Jahre 2017 ihr eine neue, nunmehr neurophysiologische Bedeutung beilegen konnte:[i]
Die Forscher hatten die Gehirnaktivität einer ganzen Klasse während des regulären Unterrichts mittels EEG aufgezeichnet und festgestellt, dass sich die Gehirnwellen der Schüler untereinander umso mehr anglichen, je aufmerksamer sie waren und je stärker sie sich sozial verbunden fühlten. Dabei schwankte die Gehirn-zu-Gehirn-Synchronität im Laufe einer Lektion dergestalt, dass sie in interessanten Phasen zu- und bei Ablenkung abnahm.
Diese Erkenntnisse lassen sich übertragen. Sie zeigen eindrücklich, wie bedeutsam der Zusammenklang in sozialen Gruppen sein kann, handle es sich nun um eine Schulklasse, einen Chor, eine Bergsteigergruppe oder ein berufliches Team mit gemeinsamer Aufgabe.
Die Musik kann therapeutisch vielfältig zum Zuge kommen. Um nur eine Auswahl zu nennen:
Demenz: Bei Menschen mit einer Demenzerkrankung kann Musik verloren geglaubte Erinnerungen wecken und Unruhe oder Aggression reduzieren.
Parkinson: Rhythmische musikalische Stimulation kann helfen, das Gangbild und die Beweglichkeit zu verbessern.
Schlaganfall: Nach einem Schlaganfall kann Musiktherapie helfen, die Sprachfähigkeit wiederzuerlangen.
Depressionen und Angststörungen: Musik kann helfen, Gefühle ausdrücken und Stresshormone zu reduzieren.
Posttraumatische Belastungsstörungen: Musik unterstützt die Verarbeitung traumatischer Ereignisse und vermittelt ein Gefühl der Sicherheit.
Autismus-Spektrum-Störungen: Musik kann als Brücke zu sozialer Interaktion fungieren und die Kommunikationsfähigkeiten verbessern.
Neonatologie: Musik kann die Entwicklung des unreifen Nervensystems nachhaltig fördern und die Bindung zwischen Eltern und Kind stärken.
Palliativmedizin: Musik kann existenzielle Ängste dämpfen und Lebensqualität erhalten.
[i] Dikker S, Wan L, Davidesco I, Kaggen L, Oostrik M, McClintock J, Rowland J, Michalareas G, Van Bavel JJ, Ding M, Poeppel D. Brain-to-Brain Synchrony Tracks Real-World Dynamic Group Interactions in the Classroom. Curr Biol. 2017 May 8;27(9):1375-1380. DOI: 10.1016/j.cub.2017.04.002.
Reales Praxisbeispiel einer jungen Patientin - Diese Aufnahme vom 22.4.2026 entstand im Rahmen der Fachvortragsreihe "Gesundheitsforum" der Klinik Arlesheim. Referent: Philipp Busche, Chefarzt Innere Medizin , Facharzt für Innere Medizin und Gastroenterologie FMH, Zusatzbezeichnung Notfallmedizin (D), Anthroposophische erweiterte Medizin VAOAS/FMH
zur Videoaufzeichnung: Musik und Medizin – Wirkung auf Psyche und Körperfunktionen

Dieser Blogartikel entstand im Rahmen des Vortrags «Musik und Medizin» des Gesundheitsforums vom 23.04.2026
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