Zwischen einigen chronische Krankheiten und der Körperwärme gibt es interessante Zusammenhänge. So kann eine Überfunktion der Schilddrüse die Körpertemperatur erhöhen und eine Unterfunktion sie senken. Ebenfalls abkühlend wirken fortgeschrittene Krebserkrankungen, die überdies die Schwingung der circadiane Rhythmik reduzieren. Ganz offensichtlich schwächen chronische Erkrankungen die Fähigkeit zur Selbstregulation des eigenen Wärmehaushalts.
Genau hier setzen die äusseren Anwendungen der Anthroposophische Pflege ein, die mit dem «Wärmeorganismus» arbeiten. Man braucht diesen anthroposophischen Fachausdruck gar nicht in seiner ganzen Tiefe zu ergründen, um einzusehen, dass bei der Erzeugung und Aufrechterhaltung biologischer Wärme ein sich selbst organisierendes Zusammenspiel am Werk sein muss.
Wohl kaum mit Heizdecken, die mangelnde Wärme zuführen, oder Eispackungen, die übermässige Wärme abziehen. Überhaupt muss man sich von der Vorstellung verabschieden, dass sich die innere Temperatur eines Organismus von aussen wesentlich beeinflussen lasse. Jeder Körper erzeugt selber seine eigene, individuelle Wärme – aber ist empfänglich für äusserliche Stimuli, die ihm helfen, seine Wärme selber zu organisieren.
Auf solche Stimuli versteht sich die Anthroposophische Pflege. Anstatt beispielsweise einem Patienten mit gestautem, roten Kopf kalte Kompressen aufzulegen, wird sie seine kalten Füsse in ein warmes Fussbad mit Senfmehl stecken und seinen Körper auf diese Weise dazu stimulieren, die im Kopf gestaute Wärme über die Beine abzuleiten.
Zu den häufigsten Wärmeanwendungen im Pflegealltag der Klinik Arlesheim zählen Wickel und Einreibungen. Auf diese zwei Techniken sei kurz näher eingegangen.
«Wickel», «Auflage», «Umschlag», «Kompresse»: Pflegefachkräfte haben ein präzises Vokabular für verschiedene Anwendungsformen, aber selbst das Pflege-Vademecum priorisiert den Ausdruck Wickel und verwendet ihn als Oberbegriff, zumal er die menschliche Zuwendung sprachlich so treffend ausdrücke: «Ein Mensch wickelt, und ein anderer wird gewickelt.»[1]
Was ist ein Wickel?
Der Wickel ist eine Technik, mit der man eine therapeutisch wirksame Substanz in Beziehung mit der Wärme bis in die Tiefe der in Ungleichgewicht befindenden Organe bringen kann. Je nach dem lokalen Organbezug bzw. der Körperstelle unterscheidet man Brustwickel, Bauchwickel, Leberwickel, Nierenwickel, Blasenwickel, Pulswickel usw. Sie alle funktionieren, weil auf die lokale Stimulation stets der Wärmeorganismus als Ganzes reagiert und dahin strebt, Disharmonien auszugleichen.
Substanzen
Das Pflege-Vademecum verzeichnet sechzig Substanzen von A wie Arnika bis Z wie Zitrone, die beim Wickel und anderen äusseren Anwendungen zum Einsatz kommen.[2] Dabei dominieren pflanzliche Öle und Salben wie Calendula, Schafgarbe oder Rosmarin. Hinzu kommen metallene Präparate wie die Kupfersalbe oder Kombipräparate wie das Gold-Rose-Lavendel-Öl. Anthroposophische Anwendungen bedienen sich an altbewährten Hausmitteln wie Quark, Zwiebel oder Kartoffeln wieder aufleben.
Zwiebelschalenprinzip
Der Wickel besteht aus drei Lagen Tüchern: Als erstes legt die Pflegefachperson das substanzhaltige Innentuch auf die betreffende Körperstelle. Es ist aus glatter Baumwolle fein gewoben, damit die Substanz mit der Haut maximalen Kontakt haben kann. Auf dieses Substanztuch legt sie ein grösseres, saugfähiges Baumwolltuch, das eng anliegend, aber nicht zu straff um die Körperform gewickelt wird. Auf dieses Zwischentuch kommt drittens das Aussentuch, das die Wärme im Wickel halten soll. Dieses Tuch ist darum meist aus Wolle. Die Anthroposophische Pflege in der Klinik Arlesheim verwendet für Wickel ausschliesslich Tücher aus reiner Wolle oder Baumwolle.
«Wickel, bitte nicht stören!»
Je entspannter man im dreilagigen Wickel liegt, desto mehr kann man sich der Wärme hingeben und umso empfänglicher ist man für die subtile feinstoffliche Wirkung der jeweiligen Substanz. Aus diesem Grunde soll man während der Anwendung weder telefonieren noch sich anderweitig am Handy beschäftigen, nicht lesen und auch keine Musik hören. Zur zusätzlichen Reizabschirmung werden im Spitalzimmer mitunter auch noch die Vorhänge zugezogen. Alle weiteren Störungen hält aussen an der Zimmertür ein Schild fern: «Wickel, bitte nicht stören!»
Von der Wickel- in die Nachruhephase
Ein Wickel dauert 20 bis 30 Minuten, dann werden die Tücher entfernt und soll der Patient oder die Patientin noch einmal die gleiche Zeitspanne ruhen. Diese Nachruhe ist ein integraler Bestandteil der ganzen Anwendung (ausser in Fällen, die eine Aktivierung gleich nach dem Wickel erfordern). Damit der Patient oder die Patientin ohne Unterbrechung von der Wickel- in die Nachruhephase gleiten kann, kümmern sich die Pflegefachpersonen um die Wickelabnahme.
Wie viele Wickel pro Tag?
Stationäre Patientinnen und Patienten kommen in der Klinik Arlesheim in den Genuss von bis zu drei Wickeln oder anderen äusseren Anwendungen pro Tag. Dabei lassen sich die Anwendungen durch die Wahl der Substanz dem Tagesverlauf anpassen: etwa ein aktivierender Wickel am Morgen, ein verdauungsunterstützender Wickel am Nachmittag und abends ein schlaffördernder Wickel.
Die Rhythmischen Einreibungen verdanken wir der Ärztin Ita Wegman. Die Gründerin der Klinik Arlesheim entwickelte sie auf der Grundlage der schwedischen Massage und im Sinne der Anthroposophischen Medizin eine sanfte, auf den Patienten individuell abgestimmte Form der medizinischen Massage. Daraus wurde die Grifftechnik der Streichung an die Pflegefachpersonen weitergegeben, welche sie unter dem Begriff der Rhythmischen Einreibungen seit über hundert Jahren wirkungsvoll an den Patienten anwenden.
Substanz und Wärme
Rhythmische Einreibungen dienen dazu, eine therapeutisch wirksame Substanz (ein Öl, eine Emulsion oder eine Salbe) so aufzutragen, dass der Organismus diese durch die Hautschichten aufnehmen und assimilieren kann. Dabei spielt der Wärmeorganismus eine zentrale Rolle. Wie beim Wickel wirken Substanz und Wärme zusammen und
Warum rhythmisch?
Die Einreibung erfolgt in achtsam ausgeführten, vorwiegend kreisenden Streichbewegungen, die auf körperlicher, seelischer und geistiger Ebene mit der zu behandelnden Person in Resonanz gehen. Dies macht die Rhythmische Einreibung zu einer sehr differenzierten, individuell abgestimmten Anwendung.
Wo und wie häufig?
Rhythmische Einreibungen haben ein breites Anwendungsfeld: Arme, Beine, Waden, Oberschenkel, Knie, Füsse, Schultern, Rücken, Brust oder Bauch. Je nach dem lokalen Organbezug gibt es spezifische Einreibungen von Milz, Leber, Nieren, Herz, Blase, Solarplexus usw., wobei für diese vor allem Salben mit metallenen Substanzen zum Einsatz kommen. Je nach Indikation können solche Einreibungen täglich oder in einem alternierenden Rhythmus angewendet werden.
Unsere Pflegefachkräfte lernen die Anthroposophische Pflegepraxis in einer gründlichen Weiterbildung. Dieselben Personen, die im Laufe des Tages Medikamente verabreichen, Blut abnehmen, Wunden versorgen und vielen weiteren pflegerischen Aufgaben nachkommen, übernehmen dann, wenn sie wickeln oder rhythmisch einreiben, eine genuin therapeutische Funktion. Dies ist eine echte Erweiterung des Pflegeberufes.
Kommt hinzu, dass die dazu ausgebildeten Pflegefachpersonen in die differenzierte Patientenwahrnehmung und den ganzen Therapieprozess einbezogen werden. Ärztliches Wissen und pflegerische Kompetenz arbeiten in der Klinik Arlesheim auf Augenhöhe zusammen.
Äussere Anwendungen sind eine besondere Form menschlicher Zuwendung im Spitalalltag, die eine besondere Atmosphäre schaffen. Zudem lässt das entspannte Liegen im warmen Wickel regelmässig ein tiefes Geborgenheitsgefühl aufkommen. Diese emotionalen Pluspunkte schlagen sich im Medikamentenbedarf nieder: Patientinnen und Patienten der Klinik Arlesheim benötigen dank Wickeln, Bädern und Einreibungen weniger Schmerzmedikamente, weniger Schlafmittel und bei bestimmten Krankheitsbildern sogar weniger Antibiotika.
Dieser Artikel basiert auf Interviews mit drei Pflegefachpersonen, denen wir an dieser Stelle herzlich danken:
Susanne Bornhauser, Pflegedienstleisterin Onkologie
Rebekka Lang, Expertin Äussere Anwendungen
Ursula Signer, Stationsleitung Pflege Psychosomatik
[1] Pflege-Vademecum: Grundlegende Gesichtspunkte zur Wickeltechnik. https://www.pflege-vademecum.de/grundlagen-wickel-und-auflagen.php
[2] Pfelge-Vademecum: Substanzen/Produkte. https://www.pflege-vademecum.de/substanzen.php
Anthroposophische Pflege an der Klinik Arlesheim
In der pflegerischen Betreuung und Behandlung sorgen wir für eine aufbauende, wohltuende, heilsame Atmosphäre und für eine individuelle Begleitung.
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