Demenz aus integrativer Perspektive

Demenz aus integrativer Perspektive

15. Juli 2026 Seite drucken

Bei einer Demenz gehen die Erinnerungen verloren, aber der betroffene Mensch behält seine Würde. Er braucht Medizin und menschliches Verständnis.

  1. Was wissen wir über die Demenz?
  2. Wie kann man die Demenz vermeiden oder verzögern?
  3. Tipps zur Hirngesundheit

1. Was wissen wir über die Demenz?

Es fliessen Unsummen in die Demenzforschung, allein in den USA 3,8 Milliarden Dollar pro Jahr. Diese Forschung ist wichtig. Wir verdanken ihr Erkenntnisse darüber, welche höheren kognitiven Funktionen sich bei Demenz wie abbauen und wie sich Demenzbetroffene dadurch verändern.

Abbau höherer kognitiver Funktionen

  • Gedächtnis
  • Geschwindigkeit der Informationsverarbeitung
  • Urteilsvermögen
  • Entscheidungsfähigkeit
  • Lernfähigkeit
  • Sprache und Sprechen
  • Auffassung und Rechnen
  • Orientierung
  • Denken

Persönlichkeitsveränderungen (Auswahl)

  • Apathie und Desinteresse
  • Stimmungsschwankungen
  • Angst und Unruhe
  • Misstrauen
  • Reizbarzeit und Aggressivität
  • Sozialer Rückzug
  • Verlust von Empathie
  • Enthemmung

Ein luzides Rätsel

Und doch gibt es ein gut dokumentiertes, reales Phänomen, vor dem die Demenzforschung wie vor einem Rätsel steht, die sogenannte paradoxe oder terminale Luzidität. Dabei erleben Menschen mit einer stark fortgeschrittenen Demenz meist kurz vor ihrem Tode plötzlich und unerwartet eine Phase, in der geistige Klarheit, die Sprachfähigkeit und das Gedächtnis wiederkehren. Auf einen Schlag erhält eine Person mit einem massiv degenerierten Gehirn wieder Zugriff auf ihre Erinnerungen, erkennt ihre Angehörigen, kann sich mitteilen und ihre Situation verstehen. Betroffene und Angehörige erleben es wie ein Geschenk.

Wo speichern wir Erinnerungen?

Die terminale Luzidität bei Demenz wirft natürlich Fragen zum menschlichen Gedächtnis auf wie die, ob wir neben der «lokalen» Speicherung im Gehirn auch eine «Cloud-Lösung» zur Verfügung haben. Die italienische Medizinerin und Neurobiologin Rita Levi-Montalcini, die für ihre Entdeckungen auf dem Gebiet der neuronalen Plastizität (Wachstum von Nervenzellen) 1986 den Nobelpreis erhielt, war sich da sicher: «Der Körper spielt keine Rolle, was zählt, ist der Geist.» Eine wirklich menschliche Medizin integriert diese geistige Dimension in das Verständnis der Demenz. Die Anthroposophische Medizin kann dazu auf das Konzept der vier Wesensglieder (Körper, Vitalität, Seele, Ich-Organisation) zurückgreifen.

Formen von Demenz

Demenz ist ein Sammelbegriff für verschiedene Formen neurodegenerativer Erkrankungen:

  • Alzheimer (60-65%)
  • vaskuläre Demenz (20-30%)
  • Mischform (Alzheimer/vaskuläre Demenz, 15%)
  • andere Formen (5-15%)

Demenz in der Schweiz

  • 10'000 Demenzbetroffene in den Kantonen BL und BS
  • 160'000 Demenzbetroffene in der Schweiz
  • Jährlich 6,7 Milliarden Franken direkte Gesundheitskosten
  • Jährlich 6 Milliarden indirekte Gesundheitskosten (Produktionsausfälle, Betreuung durch Angehörige)
  • Auf 1 demenzbetroffene Person kommen 3 mitbetroffene Angehörigen.

2. Wie kann man die Demenz vermeiden oder verzögern?

Zur Prävention von Demenzerkrankungen lassen sich viele einzelne Hebel in Bewegung setzen. Neben den klassischen Lebensstilfaktoren gilt es auch besonders, Aspekte des sozialen Lebens zu berücksichtigen. Gelingt es, die Risikofaktoren auszuschalten oder wenigstens zu vermindern, lassen sich 45% aller Demenzerkrankungen vermeiden oder verzögern.

Bekannte Risikofaktoren für Demenz

  • Rauchen
  • Bewegungsmangel
  • Alkoholkonsum
  • Übergewicht
  • Luftverschmutzung
  • Diabetes
  • Hohes Cholesterin
  • Bluthochdruck
  • Schwerhörigkeit
  • Sehverlust
  • Depression
  • Vereinsamung
  • Bildungsarmut
  • Kopfverletzungen

3. Tipps zur Hirngesundheit

Alltag, Routinen und Bequemlichkeiten lassen uns kognitiv träge werden. Die gute Nachricht: Es ist kaum je zu spät und kann nie früh genug damit begonnen werden, das Gehirn zu stimulieren und kognitive Reserven aufzubauen.

Werden Sie ein übender Mensch

Studien sehen eindeutige Zusammenhänge zwischen kognitiver Stimulation und einem geringen Demenzrisiko. Klassische Bespiele für kognitive Stimulationen sind das Erlernen einer Fremdsprache, eines Musikinstruments oder des Jonglierens. Gerade im Alter ist es für die Hirngesundheit wichtig, sich mit herausfordernden Übungsprojekten zu beschäftigen.

Bauen Sie kognitive Reserve auf

Es gibt Menschen, die trotz einer Hirnschädigung kognitiv leistungsfähig bleiben und dies sogar länger als andere. Basis dafür ist die sogenannte kognitive Reserve: Das Gehirn nutzt bestehende neuronale Netzwerke effizienter oder aktiviert alternative Netzwerke (neuronale Kompensation). Zu den Faktoren, die die kognitive Reserve stärken, zählen Bildung, anspruchsvolle berufliche Aufgaben oder Hobbies wie Lesen, grosse Puzzles und knifflige Rätsel ebenso wie die Pflege menschlicher Kontakte. Gerade der sozialen Kontakte wegen sollte man sich, wenn man schwerhörig wird, frühzeitig um Hörgeräte und ein begleitendes Hörtraining kümmern.

Bleiben Sie aktiv

Sportliche Aktivitäten und körperliche Bewegung formen das Gehirn und können sogar altersbedingte Veränderungen rückgängig machen. Sie steigern die Hirndurchblutung, die Gedächtnisleistung und – insbesondere bei Frauen – das Risiko für Alzheimer bei genetischer Veranlagung. Es ist nie zu spät, einem aktiven Hobby nachzugehen wie der Gartenarbeit, dem Wandern, dem Tanzen oder einer aktiven Form von Yoga. Wichtig ist auch, Bewegung in den Alltag zu integrieren, also dem Lift die Treppe vorzuziehen oder zum Beispiel eine Tramstation früher auszusteigen oder das Auto weiter entfernt vom Ziel zu parkieren, um die restliche Strecke zu Fuss zurückzulegen.

Schlaf Sie genug

Der Schlaf ist der Schlüssel zur Gedächtnisbildung. Während wir im Tiefschlaf verweilen, wandern die Tageseindrücke aus dem Hippocampus in die Gedächtnisspeicher der Grosshirnrinde. Gleichzeitig finden weitere Aufräumaktionen und Regenerationsprozesse statt. Deshalb wird allgemein empfohlen, pro Nacht 7 bis 8 Stunden zu schlafen. Lesen Sie weitere Schlaftipps in diesen weiteren Beiträgen:

Wie im Alter besser schlafen?

Zehn Tipps gegen Schlafstörungen

Essen Sie hirnfreundlich

Eine ausgewogene Ernährung nach mediterranem Vorbild versorgt das Gehirn mit allen wichtigen Nährstoffen. Bevorzugen Sie Gemüse, Früchte, Olivenöl, Nüsse und fetten Fisch wie Lachs oder Makrele. Ebenfalls auf den hirnfreundlichen Speisezettel gehören Vollkornprodukte und ballaststoffreiche Lebensmittel, die die günstigen Darmbakterien füttern. Diese bilden nämlich Moleküle, die über die Darm-Hirn-Achse die Stimmung beeinflussen und die kognitive Fähigkeiten stärken. Weitere Anregungen und Tipps zur Ernährung:

Wie pflege ich mein Mikrobiom?

Alzheimer Schweiz: Gesunde Ernährung

Canada's Food Guide

Übrigens: Das Thema Demenz ist auch in der architektonische Umsetzung des Neubaus der Klinik Arlesheim integriert; lesen Sie dazu den Beitrag Demenzsensible Architektur

gf

Dieser Blogartikel entstand auf Basis des Vortrags «Leben mit Demenz – wissenschaftliche und praktische Perspektiven» des Gesundheitsforums vom 18.03.2026:
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Autor / Autorin

Text: Patrick Frei, Geprüft von: Philipp Busche, Chefarzt Innere Medizin
Text: Patrick Frei, Geprüft von: Philipp Busche, Chefarzt Innere Medizin
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