Kaum ein Krankheitsbild zeigt die innige Verbindung zwischen Körper und Seele eindrücklicher als das Trauma. Es ist eine seelische Wunde mit vielerlei körperlichen Auswirkungen, besonders auf den Bewegungsapparat (myofasziale Verspannungen) und das Immunsystem (chronische Entzündungen, vorzeitige Alterung).
Was ist ein Trauma? Das beste Verständnis gewinnt man über den Begriff der Erinnerung.
Lange war man davon ausgegangen, dass Erinnerungen nach ihrer Speicherung stabil archiviert seien. Doch neurowissenschaftliche Forschungen seit den 1960er Jahren zeichnen ein anderes Bild. Wann immer eine Erinnerung abgerufen wird, gerät sie in einen labilen Zustand, in dem sie verändert werden kann. Die Erinnerung kann neue Informationen aufnehmen, neu bewertet, abgeschwächt oder überschrieben werden.
Wird die Erinnerung nach ihrem Abruf erneut gespeichert, läuft ein aktiver molekularer Prozess ab, die Rekonsolidierung. Der Begriff lehnt sich an die ursprüngliche Konsolidierung bei der ersten Speicherung an.
So gesehen, sind Erinnerungen Gedächtnisinhalte, die sich bei jedem Abruf wandeln und im Laufe eines Lebens mitwachsen. Nur eine Sorte von Erinnerungen bildet eine Ausnahme: das Trauma. Es entzieht sich hartnäckig jeder Abschwächung.
Das Trauma ist im Kern seiner Symptomatik eine Erinnerung, die einen mit ganzer Wucht, mit allen Schmerzen, Gefühlen und Empfindungen wieder in die dramatische Situation zurückversetzen kann. Eigentlich ein Anachronismus: Der Vorfall mag Jahrzehnte zurückliegen – und doch erlebt man ihn wie etwas Gegenwärtiges wieder.
Das altgriechische Wort «trauma» bezeichnet ursprünglich die körperliche Wunde. In diesem Sinne verwendete die neuzeitliche Medizin den Begriff und prägte für die Unfallchirurgie die Bezeichnung Traumatologie («Lehre von den Verletzungen»).
Erst im 19. und 20. Jahrhundert übertrugen die Psychiatrie und speziell die Psychoanalyse Sigmund Freuds den Begriff Trauma auf die seelische Wunde. Der Begriff erfuhr insofern eine Verinnerlichung.
Unter den Begriff Trauma fallen sehr unterschiedlichen Formen und Typen:
Es gibt viele verschiedene Traumatherapien. Wir beschränken uns hier auf den Ansatz der körperbezogenen oder körperorientierten Traumatherapie, wie sie zum Beispiel von Dr. Peter A. Levine entwickelt und als «Somatic Experiencing» bekannt wurde.
Sie legt den Fokus auf die folgende Beobachtung: Jedes seelische Trauma manifestiert sich auch im Körper und kann von da aus später wieder Schlaufen in die Seele ziehen. Eine zentrale Rolle spielt dabei das vegetative Nervensystem. In seiner Autonomie über viele Körperfunktionen (Herzschlag, Atmung, Kreislauf, Hormonausschüttung, Verdauung, Körpertemperatur usw.) passt es den Körper durch autonome Regulation unterschiedlichen Anforderungen an: indem es einerseits zu Arbeit, Sport und Spiel, aber auch bei Gefahr aktiviert (Sympathikus) oder andererseits Entspannung und Regeneration fördert (Parasympathikus).
Wie eine Regulation in Extremsituationen auf natürliche Weise vor sich gehen kann, lässt sich bei Tieren in freier Wildbahn beobachten, die, kaum einer lebensbedrohlichen Situation entronnen, die aufgestaute Schock-Energie förmlich ausschütteln, mit starken Schüttelbewegungen des Rumpfes.
Ähnlich sehen wir auf der Notfallstation der Klinik Arlesheim immer wieder Unfallopfer zittern. Es ist nicht so, dass sie primär frieren. Sondern indem sie zittern, befreien sie sich von überschüssiger vegetativer Erregung. Wir decken die Betroffenen dann meist zu, legen ihnen eine warme Bettflasche auf oder wenden einen feucht-warmen Oxalis-Bauchwickel an. Diese wärmenden Massnahmen beruhigen und entkrampfen, ohne das Zittern zu unterdrücken. Der Prozess der Entladung kann seinem natürlichen Gang nehmen.
An solche körperlichen Beobachtungen anknüpfend, sieht die körperorientierte Traumatherapie den Weg zur Heilung wesentlich darin, mit der Körperwahrnehmung zu arbeiten, die Handlungsfähigkeit zu stärken und das Sicherheitsgefühl wiederherzustellen.
Dabei geht es nicht darum, das Trauma aus der Tiefe der Seele analytisch herauszupräparieren. Die Therapie sucht vielmehr Wege, das traumatisierende Erlebnis zu reintegrieren, so dass es wieder Teil des autobiografischen Gedächtnisses wird und darin wie eine normale Erinnerung allmählich verblassen kann.
Die körperbetonte Traumatherapie fusst auf der grossen Weisheit des Körpers. Er weiss viel mehr als unser Verstand, der uns leicht täuschen kann.
So gibt es Traumabetroffene, die absolut keine bewusste Erinnerung an das traumatisierende Ereignis haben, aber deren Körper sich umso besser zu erinnern weiss, etwa in Form von Herzrasen, eine Engegefühls oder muskulärer Anspannung. Wobei sich die Symptome regelmässig einstellen, wann immer ein auslösender Faktor (Trigger) auftritt.
Jedes traumatisierende Ereignis birgt eine Ohnmachtserfahrung. Man hat sich als Opfer überwältigender Umstände erlebt. Keine Therapie kann dies ungeschehen machen. Aber man kann im eigenen Seelenleben die innere Freiheit zurückgewinnen und wieder gestaltungsfähig werden. Gelingt dies, wird man in einem überwundenen, verarbeiteten Trauma vielleicht auch einen Sinn erkennen und es als prägende Erfahrung in sein Leben integrieren können.
Eine schöne Analogie dafür ist «Kintsugi», eine traditionelle japanische Reparaturmethode für Keramik. Dabei werden die Bruchstücke mit einem speziellen Lack zusammengeklebt, fehlende Scherben mit einer Kittmasse ergänzt und die Bruchlinien mit Gold veredelt und dekorativ hervorgehoben. So erschafft «Kintsugi» aus Verletzungen Schönheit und zelebriert die Ästhetik der Unvollkommenheit.
Daran kann sich jede Traumatherapie eine Scheibe abschneiden: Es geht nicht darum, ein Trauma aufzulösen oder zu löschen, sondernd darum, es ins Ganze einer Biografie zu reintegrieren. Die Biografie wird dadurch interessanter, individueller und kostbarer als zuvor.

Wertvoller als vor der Reparatur: eine Kintsugi-Schale. © Haragayato/Wikimedia Commons
Psychiatrie an der Klinik Arlesheim
In der Psychiatrie begleiten wir erwachsene Menschen ab 18 Jahren mit psychischen und psychosomatischen Problemen und Störungen sowohl ambulant als auch auf den Stationen der Psychiatrie und Psychosomatik.
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Dieser Blogartikel entstand im Rahmen des Vortrags «Unsichtbare Wunden – verstehen, was traumatische Erlebnisse mit uns machen» des Gesundheitsforums vom 27.08.2026.
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